112 Newsletter: Einsatz des Rettungsdienstes
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112 Newsletter vom 28. Mai 2020

Liebe Leserinnen und Leser, 

wie jeden Tag beginne ich auch das heutige Update mit einem kurzen statistischen Überblick zur Corona-Lage in Bayern. Stand heute, Donnerstag, 10:00 Uhr, haben wir 46.998 bestätigte Corona-Infektionen zu verzeichnen. Das sind im Vergleich zum Vortag + 113 mehr (vorgestern auf gestern + 140) oder + 0,2 Prozent.

Wieder genesen sind amtlich ausgewiesen 42.480 Personen oder 170 mehr als gestern
(+ 0,4 Prozent). Aktuell leiden in Bayern 2.064 Personen an COVID-19, das sind 66 weniger als gestern (ca. - 3,2 Prozent). Bezogen auf 100.000 Einwohner sind aktuell damit weiterhin 16 Bewohner Bayerns erkrankt (gestern ebenfalls 16).

An bzw. mit einer Corona-Infektion verstorben sind mittlerweile 2.454 Personen, das sind im Vergleich zum Vortag + 12 (vorgestern auf gestern + 23) oder insgesamt + 0,5 Prozent mehr.

Die über sieben Tage statistisch geglättete Reproduktionszahl R, die angibt, wie viele weitere Personen ein Infizierter statistisch ansteckt, ehe er selbst gesundet oder verstirbt, bemisst sich entsprechend der mathematischen Betrachtungen des Robert Koch-Instituts (RKI) heute für Bayern wieder auf R=0,76 (Vortag R=0,88). Der isolierte Tageswert für heute wurde mit R=0,68 (gestern R=0,88) festgestellt. Wir bleiben damit auch weiterhin unterhalb der magischen Marke von R=1. Das ist sehr erfreulich, da ein Wert kleiner 1 bedeutet, dass die Welle weiterhin flach verläuft.

Und auch heute sollen die 7-Tage-Inzidenzen für die am stärksten betroffenen Kreise und kreisfreien Städte Bayerns nicht fehlen, illustrieren doch diese Werte, ob, und wenn ja, wo es Hotspots gibt.

Einmal mehr sind die drei am häufigsten betroffenen Landkreise und kreisfreien Städte dieselben wie die letzten vier Tage. An der Spitze steht die Stadt Regensburg mit einer kumulierten 7-Tage-Inzidenz von 49,8 (gestern noch 74,0). Dahinter auf Platz 2 folgt der Landkreis Coburg mit einem Wert von 34,5 (gestern 36,8). Knapp dahinter folgt der Landkreis Lichtenfels mit einer kumulierten 7-Tage-Inzidenz von 31,4 (gestern 40,4) Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern binnen 7 Tagen. In beiden Landkreisen liegen die Werte damit wieder unter der Vorwarnstufe von 35.

Sehr erfreulich: Die weit überwiegende Zahl der Landkreise und kreisfreien Städte weist Werte kleiner 10 aus. Ein Hotspot-Geschehen beschränkt sich damit aktuell nur noch auf die Stadt Regensburg.

Am vergangenen Sonntag hatte ich Ihnen die aktuellen behördlichen Strukturen zur Bewältigung der Corona-Krise erläutert und Ihnen einen Bericht über die Führungsgruppe Katastrophenschutz Land Bayern (FüGK-BY) angekündigt. Diesen Bericht will ich nun geben. Um die FüGK-BY und ihre Tätigkeit richtig einordnen zu können, möchte ich zunächst die Strukturen des Katastrophenschutzes in Bayern kurz skizzieren.

Feuerwehr, Rettungsdienst und Katastrophenschutz sind klassische Domänen der Gewährleistung von Innerer Sicherheit. Für diese Aufgabenfelder gibt es im Innenministerium – das gesetzlich als oberste Katastrophenschutzbehörde in Bayern bestimmt ist –  eine eigene Abteilung und es ist seit jeher vorgesehen, dass diese in einem Katastrophenfall, insbesondere, wenn dieser mehrere Landkreise oder kreisfreie Städte betrifft, eine im Wesentlichen informationssteuernde und koordinierende Aufgabe übernimmt. In den Katastrophenschutzkonzepten wird eine solche Stelle als Führungsgruppe Katastrophenschutz, oder im Jargon kurz FüGK, bezeichnet. Sie setzt sich aus verschiedenen Funktionen zusammen. Neben dem Leiter, seinem Vertreter und der Führungsassistenz, die dem Leiter in seiner Funktion zuarbeitet, sind mehrere ständige Arbeitsbereiche vorgesehen. So etwa der Innere Dienst, der den Betrieb der FüGK sicherstellt und für technische Mittel ebenso sorgt wie für die Verpflegung der Mitarbeiter, die in der Corona-Krise in einem Dreischichtbetrieb rund um die Uhr Dienst tun. Je nach den Anforderungen einer Lage können das durchaus bis zu 20 Personen pro Schicht sein.

Des Weiteren gibt es Arbeitsbereiche (AB) wie den AB Maßnahmen zur Ereignisbewältigung, der sich um die eigentlichen Fragen des Einsatzes kümmert, den AB Lage und Dokumentation, der die Gesamtlage Bayerns zusammenführt und über alle Einzelvorgänge akribisch elektronisch Buch führt, den AB Kommunikation für die Information sowohl nach innen als auch nach außen, den AB Bevölkerungsinformation und Medienarbeit für die Kommunikation nach außen sowie den AB Sichtung, der alle eingehenden Informationen, insbesondere die zahlreich aus den Landratsämtern vor Ort über die Regierungen eingehenden Lagemeldungen sichtet, auf ihre Dringlichkeit hin bewertet und in der FüGK an die AB verteilt. Hinzu treten je nach Lage die Vertreter weiterer Abteilungen des StMI, etwa für Rechtsfragen, oder der Polizei, aber auch von externen Behörden wie derzeit aus dem Gesundheitsministerium, Stellen und Organisationen, etwa der Bundeswehr, des THW, der Feuerwehrschulen oder der freiwilligen Hilfsorganisationen, um nur einige zu nennen. 

Die Stärke der Katastrophenschutzstrukturen besteht darin, dass bei Bedarf die sieben Bezirksregierungen als die Katastrophenschutzbehörden der mittleren Ebene sowie die 71 Landratsämter und 25 kreisfreien Städte als untere Katastrophenschutzbehörden ebenfalls FüGKen aufrufen, die exakt nach dem eben beschriebenen Grundmuster gegliedert sind und mit den gleichen technischen Instrumenten zur Informationssteuerung und Lagedokumentation arbeiten. Ganz entscheidend: auch bei den FüGKen der mittleren und unteren Ebene agieren im Kern Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Regierungen, Landratsämter und kreisfreien Städte, die sich in ihrer täglichen Arbeit auf der Ebene ihrer Behörde mit Angelegenheiten der öffentlichen Sicherheit, des Feuerwehrwesens, des Rettungsdienstes und des Katastrophenschutzes befassen. Etwas platt formuliert bedeutet das für die Community, in der die FüGKen aller Ebenen agieren: Man kennt sich untereinander, man kennt die Materie, man kennt die Systeme und man ist ein Stück weit daran gewöhnt und darin geübt, mit dynamischen, zeitkritischen und ungewöhnlichen Lagen umzugehen.

Wie im Newsletter vom Sonntag beschrieben, hat uns seit Mitte März die Corona-Pandemie flächendeckend erfasst, wenn auch regional in unterschiedlicher Stärke und es war nicht absehbar, ob die Lage nicht noch wesentlich dramatischer würde. Und es wurde immer deutlicher, dass der öffentliche Gesundheitsdienst dringend der Unterstützung bedurfte. Es galt beispielsweise persönliche Schutzausstattung wie Masken, Schutzanzüge und Beatmungsgeräte zu beschaffen, zusätzliche Krankenhauskapazitäten aufzubauen und die tatsächlich belegten sowie verfügbaren Krankenhauskapazitäten und Transportkapazitäten im Rettungsdienst einschließlich der Rettungshubschrauber täglich exakt zu erfassen. Außerdem musste tagesaktuell geklärt werden, inwieweit die Katastrophenschutzbehörden, Hilfsorganisationen, Feuerwehren, THW sowie das Personal in den Kliniken u.v.a.m. selbst mit Infektionen betroffen waren (Stichwort Einsatzfähigkeit).

Um der Lage letztlich Herr zu werden, braucht es klare Strukturen, klare Weisungsverhältnisse und einen klaren Kopf. All das konnte die FüGK-Struktur in Bayern bieten. Es hat mich fasziniert, wie schnell und mit welcher enormen Motivation sich „meine Leute“ in die neue Materie eingearbeitet, ja „reingefuchst“ haben nach dem Motto: Wäre jetzt Hochwasser, würden wir Informationen zu Pegelständen, Gefahrenlagen, Schadensbildern, Opferzahlen und Kräftebedarfen sichten, wo solche fehlen, diese beschaffen und alles strukturieren. Wir würden Sandsäcke, schweres Gerät, viele Hilfskräfte, Rettungskräfte und Mengen an Verpflegung organisieren und v.a. eine überregionale Hilfeleistung sicherstellen.

Wäre jetzt Schneekatastrophe, würden wir Informationen zu Wetteraussichten, Gefahrenlagen, Schadensbildern, Opferzahlen und Kräftebedarfen sichten, wo solche fehlen, diese beschaffen und alles strukturieren. Wir würden Schneeräumgerät, viele Hilfskräfte und Mengen an Verpflegung organisieren.

Und jetzt in der Corona-Katastrophe sichten wir eben Informationen zu Hotspots, Pandemiewellenbewegungen, Material- und Krankenhauskapazitäten, Infizierten- und Erkranktenzahlen, zu Verstorbenen und allem sonstigen Relevanten und strukturieren alles. Wo Informationen fehlen, beschaffen wir diese. Und dann organisieren wir die Verteilung von Atemmasken und Schutzkitteln. Wir erstellen Konzepte für Hilfskrankenhäuser und für weitere Bedarfe, die uns das Gesundheitsministerium benennen wird. Das hat auch alles tadellos funktioniert; schließlich haben wir die geballte Kraft des Innenministeriums im Rücken, kennen das Innenleben der anderen Ministerien, haben notfalls einen starken Durchgriff auf die Behörden vor Ort, sind mit den Einsatzorganisationen bestens vertraut, diese arbeiten wiederum Hand in Hand mit dem Gesundheitswesen, das es ja gerade zu unterstützen gilt, und haben z.B. mit den Feuerwehren und den Staatlichen Feuerwehrschulen starke Partner, die bei Bedarf Personal und Material ins Feld führen können. Und ganz entscheidend: Wir werden vom Gesundheitsministerium, dem Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit und den nachgeordneten Gesundheitsämtern mit offenen Armen empfangen – nur bildlich gesprochen, auch hier gilt natürlich der zwingend einzuhaltende Mindestabstand. Wenn wir die Ressourcen und das Know-how aus beiden Welten bündeln, dann schaffen wir es, möglichst viele Leben zu retten. Könnte die Motivation größer sein?

Letztlich gilt auch für die Arbeit unserer FüGK-BY, dass vieles erst beim Machen geworden ist. Und damit Sie sich einen Eindruck von der praktischen Arbeit der FüGK-BY machen können, hören wir mal in die Lagebesprechung vom 6. April 2020 rein, die, wie jeden Tag, pünktlich um 11:00 Uhr begonnen hat:

Im Lageraum, einem hohen fensterlosen Raum von der Größe einer kleinen Turnhalle, mit einem zentralen „Runden Tisch“ und zahlreichen EDV-Arbeitsplätzen mit jeweils zwei bis drei Bildschirmen, einer riesigen Leinwand, auf die mehrere Verlaufskurven projiziert sind und reichlich Wasserflaschen sowie Kaffeetassen und Kaffeekannen, die an nahezu allen Tischen stehen, sind anwesend: der Amtschef des Innenministeriums, der Abteilungsleiter Feuerwehr, Rettungsdienst und Katastrophenschutz im Innenministerium, die Mitglieder der ständigen Arbeitsbereiche FüGK, daneben Vertreter des Gesundheitsministeriums, der Polizei, des THW, der freiwilligen Hilfsorganisationen, heute ein Angehöriger der Johanniter Unfallhilfe sowie je nach Lage ein Vertreter der Feuerwehren. Es brummt wie in einem Bienenstock. Nach einem kurzen, aber eindringlichen Ruf „RUHE BITTE!“ ist es schlagartig ruhig. Es beginnt der Schichtleiter FüGK mit einer kurzen Darstellung der damals noch sehr schwierigen allgemeinen Lage. „Wir nähern uns langsam aber sicher der Zahl von 2.000 Neuinfektionen pro Tag. Diese verteilen sich ungleichmäßig auf ganz Bayern. Absolute Schwerpunkte haben wir vor allem in Südbayern und hier in den Landkreisen südlich und östlich von München. Wir steuern darauf zu, dass die örtlichen Kliniken nicht mehr alle beatmungspflichtigen Patienten der Region aufnehmen können, obwohl wir bereits zusätzliche Beatmungsgeräte aus der eisernen Reserve haben zuführen lassen. Das heißt, wir werden bald Neupatienten in weniger belastete Regionen Bayerns umsteuern müssen. Herr Mayer, wie weit sind die konzeptionellen Abstimmungen mit den Ärztlichen Leitern FüGK für die besonders belasteten sowie die potentiell aufnehmenden Bereiche gediehen und wohin werden diese ggf. umsteuern? Klappt das oder muss der Ärztliche Bezirksbeauftragte Rettungsdienst für Oberbayern eingeschaltet werden?“ „Nein, das ist nicht nötig. Das Konzept steht, die für die Aufnahme vorgesehenen Kliniken haben ihre Bereitschaft bestätigt. Die Integrierten Leitstellen sind vorbereitet und haben die Rettungsdienste vorinformiert, die die erforderlichen Krankentransportfahrzeuge nebst Besatzungen in Bereitschaft haben.“ Der Vertreter der Hilfsorganisationen schaltet sich ein: „Das kann ich bestätigen, wir sind gerüstet.“

Als nächstes hat der AB Lage und Dokumentation das Wort. „Die FüGKen der Landkreise E. und F. berichten, dass in den dortigen Kreiskliniken nach mehreren Erkrankungen beim Personal und einer Auslastung am Anschlag starker Bedarf an Pflegekräften herrscht. Man bräuchte dringend Verstärkung.“ Der Schichtleiter, der die Besprechung moderiert: „Die Frage geht an den Vertreter der Hilfsorganisationen – sehen Sie eine Möglichkeit aus dem Freiwilligenpool, der beim BRK angedockt ist, Pflegekräfte zur Unterstützung zu entsenden?“ „Selbstverständlich, dafür gibt es den Pool. Ich bräuchte aber nähere Informationen, wann wie viele Helfer sich wo melden sollen, welche Fachkenntnisse benötigt werden und wie lange die Unterstützung gebraucht wird.“ „Geht in Ordnung, das Nähere klären wir anschießend bilateral.“ Schichtleiter: „Danke.“

Und weiter: „Die FüGK des Landkreises E. frägt an, wie die Vorschrift zu verstehen ist, wonach ein Aufnahmestopp für Pflegeheime kommen wird. Gilt das auch für Hospize und Palliativstationen?“ Schichtleiter: „Diese Frage geht an die Vertreter des Gesundheitsministeriums, bitte!“ „Nein, der Aufnahmestopp gilt nicht für die genannten Einrichtungen. Diese dienen einem anderen Zweck als Pflegeheime und es soll gerade nichts geschehen, was ein Sterben in Würde schwerstkranker Menschen erschwert.“ „Danke für die Klarstellung. Diese Info könnte für alle FüGKen von Interesse sein. Ich bitte den ´Einsatz´, eine entsprechende Nachricht an alle FüGKen zu steuern.“ „Geht in Ordnung.“ 

Nach fast 20 Minuten endet der Schichtleiter mit folgender Ansage: „Morgen bekommen wir hohen Besuch. Es wollen sich der Minister und der Erzbischof von München und Freising über unsere Arbeit informieren. Ich bitte dies bei der Kleidung zu berücksichtigen und räumt‘s die Arbeitsplätze auf. Noch Fragen? Das ist nicht der Fall. Danke!“

Mit so intensiver Arbeit haben die 104 FüGKen seit Feststellung des bayernweiten Katastrophenfalls mit knapp 22.000 Personen ca. 1,7 Mio. Arbeitsstunden geleistet.

Aber auch für das Innenministerium bedeutet gerade diese Lage eine besondere Herausforderung.  Noch nie hatte das StMI als oberste Katastrophenschutzbehörde so lange mit einer einzelnen Lage in Stabsarbeit zu tun, wie das bereits jetzt der Fall ist. Insoweit war auch die FüGK Bayern noch nie so lange am Stück aufgerufen. Das bedeutet insbesondere für die Abteilung D, Feuerwehr, Rettungsdienst und Katastrophenschutz, eine enorme Belastung. Diese wurde und wird von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Abteilung großartig gemeistert, auch, weil sie aus vielen anderen Abteilungen, nachgeordneten Behörden und von den Organisationen bestmöglich unterstützt werden.

Hierfür und allen, die in den FüGK in der Fläche so intensiv mitarbeiten, sage ich an dieser Stelle ein ganz herzliches Vergelt`s Gott.

Mit besten Grüßen

Ihr
Joachim Herrmann, MdL
Joachim Herrmann, MdL
Staatsminister


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