112 Newsletter: Einsatz des Rettungsdienstes
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112 Newsletter vom 4. Februar 2021

Liebe Leserinnen und Leser,

an den Anfang dieses Newsletters darf ich zunächst einige Ausführungen zu wesentlichen Kenngrößen des Pandemieverlaufes stellen. Heute, Donnerstag, 04.02.2021, 08:00 Uhr, verzeichnen wir in Bayern insgesamt 408.149 bestätigte COVID-19-Infektionen. Im Vergleich zum Donnerstag der letzten Woche, bis zu dem 396.628 Infektionen gezählt worden waren, sind dies 11.525 Fälle mehr. Für die zurückliegenden sieben Tage ergibt sich daraus ein rechnerischer Schnitt von ca. 1.646 Neuinfektionen. Für die vorangegangenen Wochen lagen die Vergleichswerte bei 1.909, 2.366, 3.265, 3.143, 3.203, 3.912, 4.172, 3.638, 3.475, 3.606, 3.432, 3.597, 2.918, 2.153, 1.243, 652, 372 bzw. 327. Ausweislich dieser Zahlenreihe hatten wir einen günstigeren Wert zuletzt vor etwa 15 Wochen, der Trend geht somit in die richtige Richtung. Auch für den Bund ergibt sich ein verbessertes Lagebild. Dieses weist im Schnitt gut 10.450 Neuinfektionen pro Tag aus, nach etwa 12.900, 15.700, 21.000, 17.000 und 15.000 in den Vorwochen.

Schauen wir nun auf Bayern im Ländervergleich. Heute liegt der Freistaat auf Platz neun, nach Platz acht in der Vorwoche und damit so günstig wie seit Weihnachten nicht mehr. Die höchste 7-Tage-Inzidenz verzeichnet weiterhin Thüringen mit einem Wert von neuerlich verbesserten 148,4 (Vorwochen: 174,1; 225,0; 310,4). Hinter Thüringen reiht sich nun das Saarland ein, 124,7, danach folgen Sachsen-Anhalt (122,9 nach 174,0 und 195,3), Brandenburg mit ebenfalls stark verbesserten 106,2 (nach 151,4 und 203,3) und Sachsen mit 100,1 (130,0). Alle anderen Bundesländer liegen zwischen diesem und den für Niedersachsen gemeldeten niedrigsten Wert von 61,6. Der Durchschnitt aller Bundesländer beläuft sich nach 98,1 letzten Donnerstag nunmehr auf 80,7, sodass sich Bayern mit seiner 7-Tage-Inzidenz von 83,1 nicht nur bei der Platzziffer sondern auch bei der Betrachtung nach berechneten Inzidenzwerten im gesicherten Mittelfeld bewegt.

Hätten wir diese Zahlen vor einigen Wochen verzeichnet, hätte ich an dieser Stelle in gesetztem Mittelfränkisch geschlussfolgert: „basst scho“. In der aktuellen Situation aber habe ich ein leicht zwiespältiges Gefühl. Denn natürlich ist der Trend bei den Neuinfektionen als solcher sehr erfreulich. Über uns schwebt aber das Damoklesschwert deutlich ansteckenderer Mutationen, die zuerst in Großbritannien bzw. Südafrika und Brasilien beobachtet wurden. Jedenfalls die beiden erstgenannten Varianten sind mittlerweile auch in Bayern und weiteren Bundesländern jedenfalls in Einzelfällen nachgewiesen worden, u.a. bei dem letzte Woche im Klinikum Bayreuth aufgetretenen Cluster. Mich besorgt, dass namhafte Expertinnen und Experten wie etwa Frau Prof. Protzer von der TU München davon ausgehen, dass etwa die britische Variante über kurz oder lang auch in Deutschland die vorherrschende Form werden wird. Deshalb ist es jetzt trotz der stark verbesserten Zahlen in Deutschland für eine Entwarnung zu früh, will man nicht Gefahr laufen, dass es uns wie Portugal und anderen ergeht, das, wie mittlerweile die dort Verantwortlichen auch einräumen, zu schnell zu locker mit Corona worden umgegangen ist. Dort ist die Lage zwischenzeitlich so ernst, dass gestern die Bundeswehr mit einen Transportflugzeug Beatmungsgeräte und technisches Personal nach Lissabon geflogen hat und entsprechende Unterstützung leistet.

Ein Kernelement der statistischen Betrachtungen dieser Pandemie ist die Positivrate, also die Zahl der laborpositiven Tests im Verhältnis zu deren Gesamtzahl. Die Positivrate lag in Bayern in den zurückliegenden Tagen bei Werten zwischen 5,1 und 5,6 Prozent (Vorwoche: 5,1 und 6,1 Prozent). Dies ist deutlich verbessert im Vergleich zur ersten Januarwoche, in der noch eine Spannbreite zwischen 8,7 und 10,4 Prozent zu konstatieren war.

In Bayern sind an oder mit einer Corona-Infektion mittlerweile 10.890 Personen verstorben. Das sind im Vergleich zum vorigen Donnerstag 782 oder pro Tag 111,7 Fälle mehr, nach 117,9, 125,1, 134,4 bzw. 107,7 Sterbefällen pro Tag in den Wochen davor. Insoweit bessert sich auch die Sterberate, aber leider längst noch nicht so deutlich wie die Neuinfektionen.

Wesentlich klarer ist die positive Entwicklung an der Zahl der aktuell an COVID-19 erkrankten Personen abzulesen. Das sind in Bayern heute 33.040 Personen (Donnerstage der Vorwochen 38.670, 46.780, 53.900, 59.220, 63.550, 67.710, 65.720, 60.300, 58.600, 56.840, 52.970, 45.780, 34.420, 23.100 bzw. 13.190) und damit im Vergleich zu letztem Donnerstag 5.630 weniger. Somit liegen die absoluten Zahlen dieser Woche in einer Größenordnung, die wir zuletzt vor ca. 13 Wochen, also Anfang November 2020, hatten. Nach wie vor hinkt die Situation in den Kliniken etwas hinterher, aber auch hier hellt sich der Himmel nach und nach auf. Stand heute liegen von den 33.040 erkrankten Personen 3.556 in einer Klinik (an den Donnerstagen der Vorwochen 3.991, 4.231, 4.809, 5.363, 5.550, 5.276, 5.065, 4.663, 4.015, 3.730, 2.626, 2.243, 1.751, 1.072, 614, 328, 243, 213, 215 bzw. 166). Von diesen befinden sich 2.846 auf einer Normalstation und 710 (in den Vorwochen: 762, 872, 937, 969, 902, 860, 791, 726, 683, 530, 491, 367, 151 bzw. 100) auf „Intensiv“.

Lassen Sie uns nun noch kurz das Augenmerk auf die lokalen Entwicklungen richten. Insgesamt betrachtet hellt sich auch in den Regionen der Horizont weiter auf, was aber nicht bedeutet, dass es nicht einzelne Sorgenregionen gäbe, die zum Teil sehr deutlich über dem bereits erwähnten Bayern-Wert von 83,1 liegen. So müssen wir leider heute wieder einen Landkreis mit einer 7-Tage-Inzidenz von fast 400, genau 397,7, registrieren, nämlich den Landkreis Hof. Jenseits der Marke von 300 liegt mit einem Wert von 351,2 der Landkreis Tirschenreuth, gefolgt von der kreisfreien Stadt Hof mit 283,7, dem Landkreis Wunsiedel (264,3), dem Landkreis Regen (237,7) und der Stadt Weiden mit 201,2. Betrachten wir die weiteren Kategorien, so sortieren sich diese wie folgt: Zwischen 100 und 200 reihen sich aktuell 25 Gebietskörperschaften ein, nach 38 in der vergangenen Woche. Werte unter 100 weisen 64 und damit ca. zweidrittel der Landkreise und kreisfreien Städte Bayerns aus, das sind 10 mehr als letzten Donnerstag. Und von den in Rede stehenden 64 Gebietskörperschaften liegen heute sogar 18 unter 50, das ist eine ausgesprochen erfreuliche Entwicklung.

Insgesamt ist damit ein zweigeteilter Befund zu erheben: Einerseits nimmt die Zahl der sich günstig entwickelnden Gebietskörperschaften deutlich zu. Leider gibt es aber bei den hohen und sehr hohen Inzidenzen eine nicht zu vernachlässigende gegenläufige Entwicklung, die unserer vollen Aufmerksamkeit bedarf. Augenfällig ist insoweit eine Ballung der hohen Inzidenzen im nordost- und ostbayerischen Raum, die zudem mit einem Anstieg der absoluten Werte einhergeht. Diese Entwicklung mag bis zu einem gewissen Grad auch von dem statistischen Effekt getragen sein, dass sich eine nicht selten auftretende Tagesanzahl von Neuinfektionen, z.B. 30, in einer vergleichsweise bevölkerungsschwachen Kommune – die genannten Gebietskörperschaften gehören allesamt zu den Kleineren ihrer Art in Bayern – in der 7-Tage-Inzidenz deutlicher auswirken als in einer bevölkerungsstarken Kommune. Das kann aber angesichts der räumlichen Ballung nicht die alleinige Erklärung sein. Die Task Force des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit arbeitet bereits intensiv an der Ursachenforschung. So zeigt sich schon jetzt, dass im Unterschied zur Vergangenheit dieses Mal in einzelnen besonders betroffenen Kreisen nicht die Altersgruppe 80 plus die hauptbetroffene Kohorte ist, womöglich schon eine erste Folge der angelaufenen Impfungen, sondern dass es vor allem mittlere Altersgruppen trifft. Insbesondere wird zu klären sein, ob es einen Grenzbezug und/oder einen Zusammenhang mit einer infektiöseren Mutante gibt. Tschechien ist jedenfalls aktuell insgesamt deutlich stärker betroffen als Deutschland. So musste unser östlicher Nachbar gestern knapp 9.150 Neuinfektionen registrieren, und es wird von einem gehäuften Auftreten der britischen Variante berichtet. Zum Vergleich: In Bayern, das ca. 3 Millionen mehr Einwohner hat, lag dieser Wert gestern bei 2.220.

Liebe Leserinnen und Leser, diese Woche stehen die Coronadebatten ganz im Zeichen der Themen „Impfen“ und „Testen“ und ich will mit diesem Newsletter einen Beitrag zur Debatte um diese für die Bekämpfung der Pandemie zentralen Kernelemente leisten.

Am Montag hat das Impfgespräch der Bundeskanzlerin mit den Regierungschefinnen und -chefs der Länder stattgefunden. Zu diesem Hybrid-Termin, bei dem auf politischer Ebene lediglich die Kanzlerin, der Regierende Bürgermeister von Berlin für die SPD-Seite und Ministerpräsident
Dr. Markus Söder für die Unionsseite im Bundeskanzleramt anwesend waren und alle anderen Vertreter der Länder per Video zugeschaltet wurden, waren auch führende Vertreter der deutschen Pharmaindustrie geladen. Ich mache keinen Hehl daraus, dass auch wir in Bayern auf die umgehende Lieferung von möglichst viel Impfstoff pochen. Uns war allerdings von vorne herein klar, dass ein Impfgespräch mit der Kanzlerin kein „Wünsch-Dir-Was“, sondern vor allem ein Informationstermin ist.

Dabei hat sich wieder einmal die alte Erkenntnis bestätigt, dass es besser ist, miteinander als übereinander zu reden. Für alle wurde deutlich, dass weder die Pharmaindustrie noch die Politik sich auf Kosten der jeweils anderen Seite profilieren will und auch niemand sich absichtsvoll destruktiv verhält. Vielmehr ist die Gesamtsituation von einer enormen Komplexität, von großem Druck und einer immensen Erwartungshaltung der öffentlichen und der veröffentlichten Meinung geprägt. Diese Umstände machen es nicht eben leichter, mit Sachargumenten durchzudringen.

Natürlich wäre es mir lieber, wir könnten sofort alle impfen, die es wollen. Angesichts der Komplexität der Aufgabenstellung geht das aber halt schlicht nicht und deshalb können wir stolz sein und uns glücklich schätzen, dass wir technisch und logistisch überhaupt schon so weit sind, bis dato in Deutschland ca. 2 Millionen Menschen mindestens einmal geimpft zu haben. Auch wenn es unter dem Eindruck der Pandemie und der mit ihr für jeden einzelnen einhergehenden persönlichen Belastungen schwerfällt, geduldig zu bleiben, so muss man sich doch immer wieder vergegenwärtigen, von welcher Ausgangslage wir gestartet sind. Vor genau einem Jahr war der einzige direkte Berührungspunkt, den in der allgemeinen Wahrnehmung Bayern und Deutschland mit Corona hatten, der Fall Webasto mit etwa einem Dutzend Infektionsfällen. Heute impfen wir, was geht, und es ginge noch viel mehr, gäbe es mehr Impfstoff. Ich meine, viele Menschen sind auch deshalb so aufgebracht, weil sie das Gefühl haben, es werde „von denen da oben“, von der Industrie und von wem auch immer zu wenig getan, um die persönliche Lage des Einzelnen zu verbessern. Um Verständnis zu gewinnen, braucht es ein Verstehen der Situation des anderen.

Dass es sich ganz generell um eine beliebig schwierige Aufgabe handelt, einen Impfstoff gegen das Virus SARS-CoV-2 zu entwickeln und herzustellen, wird deutlich, wenn man sich klarmacht, wie das Virus im Körper eines infizierten Menschen vorgeht. Das kugelartige Virus ist – ähnlich wie in früheren Zeiten sog. „Spikes-Winterreifen“ – an seiner Oberfläche mit zahlreichen Spitzen, eben sog. Spikes (engl. spike: Spitze), besetzt. Diese Eiweiße verleihen dem Virus in seiner schematischen Darstellung das Bild eines „Kugelfisches mit kurzen tentakelartigen Fortsätzen“. Die Spikes sind beweglich und setzen sich in ihrer kettenartigen Struktur aus Atomen und Molekülen zusammen. Diese Struktur folgt einem bestimmten Bauplan, den die Wissenschaft entschlüsseln konnte. Man weiß also mittlerweile, was an einer bestimmten Stelle eines Spikes vor sich geht. Diese sind gleichsam kartographiert und die einzelnen Stellen sind mit standardisierten „Hausnummern“ versehen.

Um sich zu vermehren, braucht das Virus zwingend die Hilfe von Körperzellen. Deshalb greift es mit den Spikes nach einzelnen Körperzellen und dockt dort an. Es schleust sodann bestimmte Informationen in die Zelle ein und programmiert sie so um, dass sie fortan als „Virenfabrik“ arbeitet, so die sehr anschauliche Darstellung im ZDF-heute-journal vorgestern Abend. Das lässt sich der Körper, der durch diesen körperfremden Vorgang erkrankt, aber nicht gefallen und aktiviert die Immunabwehr. Diese entwickelt passgenaue Antikörper, die in der Lage sind, selbst am Spike und dort an einer für die „feindliche Übernahme“ der Körperzelle durch das Virus entscheidenden Stelle anzudocken. Antikörper überwölben an den Spikes genau diejenige „Hausnummer“, über die das Virus die Zelle bei einem aus seiner Sicht ungestörten Verlauf öffnen würde. Wer an COVID erkrankt verfügt danach über die entsprechenden Antikörper und ist damit gegenüber dem entsprechenden Typus sicher.

Für den Impfstoffforscher besteht nun die Aufgabe darin, ein Mittel zu entwickeln, das dem Körper vorgaukelt, das Virus würde seine Zellen bereits angreifen, ohne aber selbst eine schwere Erkrankung auszulösen. Die so „getäuschte“ Immunabwehr entwickelt Antikörper gegen ein Virus, das den Körper zwar noch gar nicht infiziert hat, die aber sofort abwehrbereit parat stehen, wenn es kommt, mithin wenn sich der Betreffende später einmal ansteckt.

Nun fügt sich aber auch das Virus nicht ohne Weiteres in sein Schicksal eines von Antikörpern verstopften Zugangs zu den überlebensnotwendigen menschlichen Zellen. Dem Virus kommt hierbei ein Grundprinzip der Natur zu Hilfe. Wie bei jeder Vermehrung etwa von Lebewesen im weitesten Sinne läuft diese nach einem festen Bauplan, bringt aber gelegentlich Abweichungen hervor, weil Kopierfehler passieren. Diese Fehler, im Fachjargon Mutationen, sind völlig normal und der eigentliche Grund für die Vielfalt der Lebensformen. Mutationen können sich zum Vorteil entwickeln, wenn dadurch – hier für das Virus – eine nützliche Eigenschaft eintritt, die im Überlebenskampf einen besonderen Nutzen verschafft.

Deutlich wird dies an der britischen und der südafrikanischen Mutation. Deren Mutanten unterscheiden sich von der bisherigen Standardvariante dadurch, dass sie an ihren Spikes neben dem herkömmlichen Werkzeug jeweils eine weitere Ausprägung haben, über die ebenfalls an die Zelle angedockt werden kann. Zudem ist die Standardstelle so verändert, dass sich die jeweiligen Antikörper nicht mehr so gut anlegen und leichter abgeschüttelt werden können. Dies dürfte erklären, warum diese Varianten deutlich ansteckender sind als die Standardform, denn sie verfügen im Vergleich über mehr Möglichkeiten, die Zelle zu kapern. Und wer mehr Möglichkeiten hat, wird rein statistisch „erfolgreicher“ sein. Dieser Zusammenhang lässt befürchten, dass diese infektiöseren Varianten im Laufe der Zeit vorherrschend sein und die bisher dominante Standardform verdrängen werden. So deutet es sich in bestimmten Gegenden Großbritanniens bereits an. Damit wird einhergehen, dass auch ein auf die Standardvariante abgestimmter Impfstoff etwas weniger wirksam sein dürfte, weil die von ihm initiierten Antikörper nur die Standard-, nicht aber die mutierten Stellen angehen wird.

Die gute Nachricht ist, dass jeder Impfstoff nicht nur die Produktion eines einzelnen Antikörpertypus anregt, sondern mehrerer und darüber hinaus auch weitere Waffen aus dem vielfältigen Arsenal der Immunabwehr aktiviert. Da jede für sich das Virus ausschalten kann, ist dieses erst dann immun, wenn es im Laufe der Zeit so stark mutiert ist, dass keine Waffe mehr wirkt. Aber auch hier gilt in gleicher Weise: Ein Impfstoff, dessen Waffen nach und nach weniger werden, hat statistisch weniger Erfolgschancen und lässt in der Wirksamkeit nach. Sollte es tatsächlich so weit kommen, dann muss der Impfstoff entsprechend umgebaut werden, was grundsätzlich möglich ist. Man kennt das z.B. von den Grippeimpfungen, deren „Formel“ von Jahr zu Jahr nachjustiert wird.

Diese stark vereinfachte Darstellung zeigt zum einen, welch enorme Aufgabe es ist, einen Impfstoff zu entwickeln. Deshalb wäre jede Vorstellung nach dem Motto „dann soll halt mal der Pharmariese X oder das Biolab Y zügig einen Impfstoff entwickeln“ verfehlt. Biontech ist nach eigenen Angaben auch nur deshalb so schnell in der Lage gewesen, auf COVID-19 umzusteuern, weil es seit Jahren an einem Impfstoff gegen Viren forscht, die im Verdacht stehen, bestimmte Krebsarten auszulösen. Ohne diese Vorarbeit sähe es heute düster aus.

Diese Forschung und Entwicklung verfolgt zudem einen völlig neuen Ansatz, Stichwort mRNA, und zielt dabei auf bestimmte Abschnitte des Virus-Erbgutes. Diese Technologie ist so neu, dass mit ihr bisher nur die wenigsten Pharma- und Biotechnologieunternehmen auf der Welt arbeiten und demzufolge auch nicht in großer Zahl entsprechende Produktionsanlagen bestehen oder Erfahrungen vorliegen. Deshalb ist es auch nicht möglich, solche Anlagen kurzerhand in großem Stile umzustellen, denn es gibt sie allenfalls in kleinem Stile. Und dort, wo es grundsätzlich möglich ist, dauert das seine Zeit. Das ist keine gute Nachricht für schnelle Lösungen, aber nachvollziehbar. Dass Biontech im März in Marburg ein zweites Werk in Betrieb nehmen kann, ist allein dem Umstand zu verdanken, dass dieses ein anderes Unternehmen zum Verkauf angeboten hatte, nachdem es seine ursprünglichen Pläne geändert hat.

Diese Zusammenhänge erklären, warum die Erweiterung bestehender Kapazitäten, die auch durch neue Unternehmenskooperationen erfolgt, erst im zweiten Quartal eine deutliche Ausweitung der Impfstoffproduktion und -verfügbarkeit bringen wird. Die Staatsregierung fördert diesen Prozess und steht in engem Kontakt mit in Bayern ansässigen und geeigneten Unternehmen, damit diese auf die (Lizenz-)Produktion von Impfstoffen umstellen. Es könnten sich Möglichkeiten ergeben, die aber dann wohl auch erst im Herbst in den Wirkbetrieb gehen.

Umso wichtiger ist es, dass weitere geeignete Impfstoffe weiterer Hersteller zeitnah die Zulassung erhalten und diese mit ihren jeweiligen Kapazitäten auf den Markt kommen. In der vergangenen Woche war das für den Wirkstoff von AstraZeneca der Fall. Mit diesem verbindet sich die Herausforderung, dass ihn die Ständige Impfkommission (StiKo) beim Robert Koch-Institut nur für Impflinge im Alter von 18 bis 64 Jahren empfohlen hat – dies, weil die höheren Altersgruppen in den klinischen Tests zu schwach vertreten waren, nicht jedoch, weil das Vakzin bei Älteren erwiesenermaßen nicht wirken würde oder gar für diese gefährlich wäre. Immerhin haben wir auch in Prio 1 Menschen unter 65 Jahren. So etwa medizinisches Personal, das besonders stark ansteckungsgefährdet ist, sowie Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen, nachdem sich in Hessen ein schwer querschnittgelähmter Mann mit eingeschränkter Lungenfunktion, der nach der Empfehlung der StiKo zunächst nicht die Impfpriorität 1 besaß, diese auf dem Klageweg erstritten hat. Das Bundesgesundheitsministerium berücksichtigt all dies und wird voraussichtlich morgen die neu gefasste Impfverordnung erlassen und dann kann auch der AstraZeneca-Impfstoff in der verfügbaren Menge sofort verabreicht werden.

Und natürlich muss auch mit dem bereits vorhandenen Impfstoff gut umgegangen werden. Dies tun wir. Stand gestern haben wir in Bayern 630.450 (Vorwoche: 499.050) Impfdosen geliefert bekommen. Bereits verimpft sind 513.685 (384.163) Dosen, davon knapp 161.000 (90.400) im Zuge von Zweitimpfungen. Für weitere Zweitimpfungen sind 63.000 Dosen zurückgestellt. Diese reichen aus, um auch bei einem eventuellen Lieferengpass die absehbaren Zweitimpfungen sicherstellen zu können. Die Tagesimpfleistung bei Erstimpfungen, die nach wie vor im Wesentlichen mittels vergleichsweise aufwändiger mobiler Impfungen in Alten- und Pflegeheimen erbracht wird, lag gestern bei 10.469.

Trotz der Fortschritte beim Impfen führt auf absehbare Zeit am Abstandhalten, der Kontaktvermeidung und dem Testen kein Weg vorbei. Auch hier gibt es zunächst einen Innovationsschub zu vermelden, wenn es darum geht, ein Lagebild zu erstellen, wie weit verbreitet die besonders infektiösen britischen, südafrikanischen und brasilianischen Mutationen sind. Denn nachdem mittlerweile die erforderlichen Reagenzien entwickelt sind, kann nach einem positiven PCR-Test dieser sofort auf Eiweiße untersucht werden, die als Indikatoren für die drei genannten Mutationen gelten. Völlige Klarheit bringt aber erst die Entschlüsselung der Genstruktur des vorgefundenen Virus. Der Vorgang heißt Sequenzierung. Dieses Verfahren ist sehr zeit- und ressourcenaufwändig und soll künftig bei ca. 10 Prozent der positiven PCR-Tests zur Anwendung kommen. Dies genügt, um ein statistisch valides Bild zur Verbreitung der Mutationen zu erhalten. Intensiv begleitet wird dieses Projekt unter anderem von verschiedenen fachlich einschlägigen Fakultäten bayerischer Universitäten, die sich zudem in einer Kooperation verbunden haben, Impfstoffe der nächsten Generation zu entwickeln.

Zum Schluss noch ein kurzer Blick in die Testpraxis. Nach wie vor lassen sich in Bayern im Schnitt täglich ca. 50.000 Menschen testen, werktäglich bis zu 70.000. Hierbei finden sich in den kommunalen Testzentren zwischen 20.000 und 30.000 Personen ein, der Rest lässt den Abstrich hauptsächlich bei einem niedergelassenen Arzt oder einem kommerziellen Testanbieter vornehmen. Seit 24.01.2021 ist Tschechien Hochinzidenzgebiet im Sinne der Coronavirus-Einreiseverordnung und in der Folge unterliegen Grenzpendler und Grenzgänger besonderen Testverpflichtungen. Hierzu haben wir entlang der bayerisch-tschechischen Grenze in Kooperation mit den Landratsämtern vor Ort insgesamt sechs zusätzliche Teststationen eingerichtet. Hier haben sich die Verfahren bestens eingespielt und es lassen sich im Schnitt pro Tag ca. 8.000 Grenzgänger und Grenzpendler testen, wodurch jeweils ca. 100 Positivfälle entdeckt werden. Dies bringt ein deutliches Plus an Sicherheit für alle Beteiligten – die Arbeitnehmer und die Arbeitgeber jeweils beiderseits der Grenze.

Wissen schafft Klarheit!

Mit besten Grüßen

Ihr
Joachim Herrmann, MdL
Joachim Herrmann, MdL
Staatsminister


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